Es gebe Dinge, über die der Mensch fast alles weiß und solche, über die praktisch nichts bekannt ist. Dazwischen seien Türen. So hat einst Jim Morrison den Namen seiner Bands The Doors erklärt. Und dann gibt es da Jahrzehnte, die jedem Menschen auf Erden bekannt sind und solche, die in grauer Vergangenheit wie im Nebel fast schon verschwinden. Zwischen ihnen, so scheint es, verstecken sich auch noch Epochen, über deren offenbar immens großen Geheimnisse niemand etwas sagen kann. Aus einer solchen scheinen die Songs von Ariana Savalas zu stammen. Aus einer mindestens vergessenen Zeit, aus einer vergessenen Stadt und doch ganz unstrittig von dieser Erde.

Ariana Savalas schmückt ihr schönes Antlitz jetzt mit einem hinreißenden Lächeln, als habe sie das aus besagter Stadt ins Hier hinübergerettet, "das ist ein großes Kompliment für mich! Ich hatte nämlich vor, etwas Zeitloses zu produzieren anstelle von etwas Trendigem." Und dabei hätten sie gleich mehrere Dekaden ganz massiv inspiriert, am offensichtlichsten wohl die Zwanzigerjahre und dort insbesondere die deutsche Szene zwischen Cabaret und Burlesque. "Um diese Kunst dreht sich im Grunde schon mein ganzes Leben", sagt die Amerikanerin, und wann immer sie Musik mache, "tauchen in meinem Hinterkopf die Figuren dieser wunderbaren Genres auf und flüstern mir Ideen ein. Diese Musik ist nicht irgendwie Jazz oder Pop auf der Fahrt geradeaus, sie hat stets auch dunkle Seiten und ihre kleinen Geheimnisse. Und sie verströmt jene Erotik, die der Weimarer Zeit und ihren Künsten bis heute anhängt." 

Das wäre eine schöne und schlüssige Erklärung ihrer Leidenschaften, wenn nicht "das ganze Leben" von Ariana Savalas erst im Jahr 1987 begonnen hätte und somit ihre Teenagerjahre von Eminem und Robbie Williams beschallt wurden. Weshalb also verguckt sich ein Mädchen, noch dazu Schülerin einer katholischen Mädchenschule, so unsterblich in eine Musik aus Tagen, da Stummfilme mit Riesenaffen noch Städte wie New York in Angst und Schrecken versetzen konnten? "Dafür gibt es mehrere Gründe", sagt Ariana, ihr Vater, der weit vor ihrer Geburt als Lollis lutschender Lieutenant Kojak weltweit bekannt gewordene Schauspieler Telly Savalas, sei einer davon gewesen. "Er war eine ganze Ecke älter als ich und wäre heute, da ich gerade einmal 32 bin, fast hundert Jahre alt. Er ist mit Leuten wie Frank Sinatra und Dean Martin befreundet gewesen, außerdem waren meine Großeltern selbst Musiker und haben mich mit all dieser Musik vertraut gemacht, als ich ein kleines Kind war. Das vergisst du dein Leben lang nicht." Sie sei zwar mit elf oder zwölf auch ein Fan von Britney Spears gewesen, habe aber trotzdem gleichzeitig Musik von Peggy Lee, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra und anderen gehört. "Aber ich war immer ein bisschen zu unartig für den Jazz. Ich war in dieser Schule mit lauter Nonnen, ich in Uniform, und ich verstieß beinahe täglich gegen irgendwelche Regeln. Ich war zwar nie eine wirkliche Rebellin, aber ich liebte es, meinen Lehrerinnen Anlässe zu geben, über mich zu tuscheln."

Und trotzdem wechselte sie irgendwann den Kontinent und kam als Sängerin der Band Postmodern Jukebox in Europa an, noch relativ ahnungslos. " Vorher saß ich ja nachts um drei allein zuhause am Piano und sang Jazz, irgendwann ging ich damit dann raus in die Clubszene und saß da wieder mit den Liedern von Sinatra und anderen, das American Songbook." Da habe sie noch gar nicht gewusst, "was die Kultur der Zwanziger war. Erst als Teil der Postmodern Jukebox kam ich all dem nahe. Ich ging nach Paris, ins Crazy Horse und Moulin Rouge, total überrascht davon, dass das alles noch existierte. Meine Shows griffen das dann auf und wurden mit der Zeit immer frecher. Ich hörte mit dem Jazz nicht auf, aber ich sang meine eigenen Songs."

Ein Ende ist zum Glück nicht abzusehen, stattdessen treibt sie immer buntere Blüten, die Karriere. Gerade erst moderiert Ariana das Treiben auf der Varieté-Bühne im Palazzo-Spiegelzelt, da erscheint mit THE DEAD DANCE auch schon ihr neues Album. Die wunderbare Sammlung verruchter, abgründiger, verschmitzter und irgendwie exotisch erotischer Lieder baut sich scheinbar ihre eigene, kleine Welt, die an nur wenig bereits Bekanntes erinnert, am ehesten aber an jene Welten, die sich im 19. Jahrhundert Nürnbergs Spielzeugmacher für ihre aberwitzigen Automatenuniversen ausgedacht haben. Nur jetzt eben die Variante für Erwachsene. Inklusive kurzer Ausflüge in den Jazz und die geschmackvoll temperierten und arrangierten Melodien der Ballrooms zwischen New Orleans und Las Vegas, wenngleich auch nicht so dick aufgetragen wie in letzterer Location. Savalas offeriert hier eigentlich die eher unamerikanische Variante einer Musik, deren Geburtsort dennoch ganz unverkennbar die Vereinigten Staaten sind und bleiben.

Es sind nicht zuletzt auch Songs für selbstbewusste, starke Frauen, das sollte man nicht unterschätzen. Immerhin nehmen sich Frauen auf den Bühnen von Burlesque und Cabaret seit fast einem Jahrhundert schon Freiheiten und gesteht man sie ihnen dort zu, weil die Szene sich bereits früh auch als politisch begriff. So wie jetzt auch Ariana Savalas. "Ich trete zwar jeden Abend im Bikini auf", sagt sie, "aber das hat natürlich andere Gründe als der kurze Rock für die Mädchen im HipHop-Video. Burlesque hat für mich vor allem sehr viel mit der freien Wahl der Mittel zu tun. Zumal es dort die Hochzeit von Sex und Humor zu feiern gilt, die es ja nicht so wahnsinnig oft zu bestaunen gibt." Die Musik der Kleinkunst- und Cabaretbühnen bedeute ja nicht in erster Linie, dass frau ihre Klamotten loswerden muss, "sondern dass du eine Geschichte zu erzählen hast. Und ob du als Frau im Bikini oder mit der Burka herumläufst, spielt so lange keine Rolle, wie du selbst ganz allein für dich die Entscheidung treffen konntest." Da habe sie eine ganz klare Einstellung: "Wenn du in einem Porno mitspielen möchtest oder das Chick von Snoop Dogg sein willst, finde ich das okay, solange du selbst dich dafür entschieden hast. Mach' es, hab' Spaß!" Hat sie ja auch. Nur halt mit etwas anderen Passionen. Und nicht zuletzt Ambitionen, denn im Amerika des Jahres 2020, meint Ariana Savalas, müsse für die hart erkämpften Freiheiten der Frauen wieder etwas härter gekämpft werden. Den Namen ihres Präsidenten möchte sie deshalb auch lieber gar nicht erst in den Mund nehmen.

Ariana streicht ihrem Rüden Ludwig über den Kopf und seufzt lächelnd. Es sei schon ein weiter Weg gewesen, der sie von Los Angeles an die Royal Academy for Dramatic Arts in London und von dort schließlich auf die Bühnen des Cabaret geführt habe, eher so etwas wie eine lange Reise, "und was bei Shakespeare begann, so habe ich das Gefühl, wird womöglich auch wieder bei ihm enden." Den Satz nehmen wir uns mal als Geheimnis lächelnd mit nach Hause.